Dry Needling (Triggerpunkt-Akupunktur)

Das Dry Needling ist ein relativ neues Verfahren in der Tierheilkunde.

Im Humanbereich wurden bereits Mitte des 20. Jahrhunderts Lokalanästhetika zur Behandlung von Muskelspasmen im Rückenbereich injiziert. Dr. Janet Travell war hier als behandelnde Ärztin von John F. Kennedy, welcher nach einer Rückenverletzung aus dem 2. Weltkrieg an starken Schmerzen litt, maßgeblich an der Forschung beteiligt. Sie gilt zusammen mit Dr. David Simons als Begründerin des Dry Needlings.
Es stellte sich heraus, dass bereits der Stich in oder nahe an dem sogenannten Triggerpunkt zu einer deutlichen Schmerzreduktion führt.

Im Gegensatz zu der Injektionsbehandlung, bei der hauptsächlich Lokalanästhetika und Corticosteroide appliziert werden, verwendet man beim Dry Needling sterile Einmal-Akupunkturnadeln. Eine Injektion findet nicht statt, daher der Name „Dry Needling – Trockenes Nadeln“.

Außer der Verwendung von Akupunkturnadeln hat das Dry Needling nichts mit der klassischen Akupunktur, welche in der TCM (Traditionellen Chinesischen Medizin) verwurzelt ist, gemein. Während bei der klassischen Akupnktur Stichpunkte auf Meridianen (Energieleitbahnen) benutzt werden, um die Energieströme im Körper zu beeinflussen, wird beim Dry Needling ausschließlich in die Peripherie oder direkt in einen sogenannten Triggerpunkt gestochen, um diesen und das umgebende Gewebe zu entspannen und so Schmerzen und Verspannungen zu lindern.

Was genau ist ein Triggerpunkt?

Nach einer generellen Definition ist ein Triggerpunkt „eine palpaple, schmerzhafte, noduläre Verhärtung in einem Muskelfaserbündel“, kurz ein schmerzhafter Knoten in einem verspannten Muskel. Diese Knoten, wenn aktiv, verursachen sowohl lokale als auch übertragene Schmerzsymptome, auch ohne zusätzliche mechanische Reizung.
Als Ursachen für ihre Entstehung werden unter anderem Traumata, akute oder chronische Überlastungen, übermäßige Wiederholungen der immer selben Bewegung und unzureichende Regeneration des Muskels nach Überbelastungen vermutet. Tatsächlich ist die Pathogenese komplex und noch nicht vollständig geklärt.

Die aktuelle Theorie geht von einer Gewebsschädigung aus, welche zur Ausschüttung von Entzündungsbotenstoffen führt. Diese bewirken unter anderem eine Gefäßverengung, eine erhöhte Muskelspannung und eine verstärkte Schmerzempfindlichkeit. Gleichzeitig führt eine Funktionsstörung an der Kopplungsstelle Nerv/-Muskelfaser zu einer Dauererregung der Fasern, welche sich verkürzen und so als tastbares Knötchen in einem Muskelstrang in Erscheinung treten. Durch die starke Gefäßengstellung kommt es zu einer Minderversorgung der betroffenen Muskelfasern mit Sauerstoff und Nährstoffen, was ein Absinken des pH-Wertes und eine nochmals verstärkte Schmerzwahrnehmung verursacht. Das geschädigte Muskelgewebe ist weder zu Dehnung noch zu Kontraktion fähig, es kommt zu einer leichtgradigen Muskelschwäche und Koordinationsverlust, vegetative Symptome wie Haarestellen und vermehrtes Schwitzen können auftreten. Auch Schmerzübertragung in andere Gebiete durch eine andauernde Reizung der Synapsen des Rückenmarks ist zumindest beim Menschen beschrieben.

Beim Dry Needling werden durch sorgfältige Palpation des gesamten Pferdes Triggerpunkte aufgesucht. Durch den Stich in das Gewebe im oder nahe des Triggerpunkts werden die Muskelkontraktionen gestoppt, die kontrahierten Muskelfasern werden gedehnt; der Muskel kann sich erholen. Durch verschiedene zelluläre Botenstoffe kommt es zu einer Erhöhung des Blutflusses und damit zur Zufuhr von Sauerstoff und Nährstoffen sowie dem Abtransport von Stoffwechselprodukten, der pH-Wert steigt, das Schmerzempfinden sinkt. Gleichzeitig verändert die durch die Nadel entstandene mechanische Reizung die Schmerzwahrnehmung im zentralen Nervensystem. Oft kommt es bei Einstich der Nadel zum sogenannten „local twitch“, einer lokalen Zuckantwort des Gewebes, welche teils sichtbar ist, teils nur durch die Nadel hindurch wahrgenommen werden kann. Auch dieser trägt zur Schmerzlinderung bei. Die Nadeln verbleiben ca. 15 Minuten im Gewebe und können dort ihre Wirkung entfalten.

Durch die Entspannung der Muskulatur und des myofaszialen Systems sowie der daraus resultierenden Schmerzlinderung kann sich der gesamte Organismus des Pferdes erholen.

Vorsicht ist jedoch geboten bei chronischen Veränderungen im Bewegungsapparat, da das Anspannen von Muskulatur eine Schutzfunktion darstellt, um verletztes oder schwaches Gewebe zu stabilisieren und ruhig zu stellen. Eine Entspannung dieser muskulären Kompensation kann z. B. eine Verstärkung einer Lahmheit zur Folge haben; anderweitig lindert sie jedoch auch die Schmerzen der verkrampften Rückenmuskulatur bei einem Kissing Spines-Patienten.
Abzuraten von einer Dry Needling-Behandlung ist immer dann, wenn die Bewegungsstörungen akut sind, wie zum Beispiel bei akuten Traumata oder einem Kreuzverschlag – diese gehören in die Hand eines Tierarztes!

Generell ist festzuhalten, dass eine ausführliche und ehrliche Anamnese unerlässlich ist, um alle Vorerkrankungen zu kennen und einschätzen zu können, und im Zweifel vor der osteopathischen Behandlung einen Tierarzt zu konsultieren.

Alle Infektionen, lokal oder systemisch mit Fieber, Ödeme oder Hämatome, Hauterkrankungen, Verletzungen oder Tumorosen verbieten den Einsatz von Akupunkturnadeln, da es hier zu einer Verschleppung von Keimen oder Tumorzellen kommen kann. Stauungen beherbergen immer das Risiko von Infektionen.
Auch tolerieren manche Pferde die Behandlung nicht. Hier ist im Sinne der Sicherheit von Mensch und Tier auf eine alternative Therapieform zurückzugreifen.

Gabe von blutverdünnenden (Futter-)Mittel wie Ingwer, Weidenrinde oder Entzündungshemmern sind 14 Tage vor der Behandlung zu beenden. Andernfalls können Blutungen und Hämatome auftreten, bei denen das Infektionsrisiko deutlich erhöht ist.
Durch die starken vegetativen Reaktionen ist eine Dry Needling-Behandlung bei trächtigen Stuten nicht anzuraten.